liebeversicherung

Franz Hoffer
Oberer Sternenweg 5a
83026 Rosenheim
 
Fax an : Continentale Vers. 0811 400115
 
Betreff: Unfallversicherung Nr. 0815
 
Sehr geehrte Damen und Herren,
 
Ihr Versicherungsagent Herr Turghardt von hier aus der Umgebung hat mich gerade angerufen und gesagt, Sie von Ihrer Versicherung möchten gerne einen Zweizeiler zum Sachverhalt per Fax von mir haben.
Wird gerne gemacht:
 
Wir werden erwachen unter falschen Propheten,
um als Kinder dieser Erde unser Erbe anzutreten.
                                                             ( Thomas B.)
 
Aber:  
Ich kann gerade meine und auch Ihre Rechungen nicht bezahlen, weil mir dazu einfach das Geld fehlt. Somit gehöre ich zur „neuen Unterschicht“  der Bundesbürger mit immerhin 8 Millionen Teilnehmern, – Tendenz steigend! die sozial wohl eher schwach aufgestellt sind.
Das liegt an der mittlerweile gut erforschten „Schere zwischen Arm und Reich“, die laut neuesten Forschungsergebnissen immer weiter auseinander driftet. Ich weiß leider nicht, ob Sie zur Unter- Mittel- oder Oberschicht gehören und ob Sie überhaupt nachvollziehen können mit welchen Problemen wir hier unten uns tagtäglich herumschlagen müssen. Wir hier unten sind auch denkbar schlecht organisiert und verfügen eben über keine nennenswerte Lobby, wie etwa die großen globalen Finanzunternehmen.
 
Ich z.B. lebe in der Obhut meiner verwitweten Mutter, womit ich, wie ich Ihnen später aufzeigen kann, weit unterfordert bin. Sie hält mich mit Geld ziemlich kurz, weil sie laut ihrer Selbstauskunft bei der Schufa eine arme Rentnerin ist. Ich weiß aber, dass sie, wenn vormittags nur dummes Zeug im Fernsehen kommt,  oft Langeweile hat und deshalb  gerne und viel kocht und da bleibt dann oft was für mich übrig, weil alte Leute ja bekanntlich nimmer so viel essen können, wie wir jungen. Ich hab also gerade mal so das Leben, bin aber -Gott sei Dank- einigermaßen gesund, was mir mein Psychiater erst letzte Woche wiederholt bestätigt hat, weil ich (nur so!) gerade mal wieder bei ihm war, damit er sich a bissl bei mir aussprechen kann. Er hat es nämlich manchmal auch ned grad so ganz leicht. Der hat fast den ganzen Tag ziemlich gefährliche Irre um sich rum und braucht halt auch mal bissl Trost und einen echten Ansprechpartner. Zu mir hat er jetzt doch schon Vertrauen geschöpft, weil ich ihn schon über 20 Jahre kenne und weil ich mir immer sehr geduldig seine Probleme anhöre. Ich kann ihm auch auf jede seiner Fragen immer eine super Antwort geben, - er schreibt sich nämlich fast alle meine Ratschläge auf. Ich weiß ja, dass er manchmal bissl schwindelt, wenn er sagt, das sei für die Forschung höchst interessant, aber in Wirklichkeit will er das alles für sich selber auskosten. Ich bin zwar erst 48 Jahre alt, aber höchst genial veranlagt  und komme mit meinem Halbwaisenstatus seit 1987 mittlerweile ganz gut zurecht. Das sind nun immerhin schon ungefähr fast über 20 Jahre!!
 
Ich bin auch 1985 während  meiner 7jährigen sehr glücklichen Ehe ganz plötzlich geschieden worden und lebe seit dem mehr oder weniger alleine. Wissen Sie wie traurig mich das macht, wenn ich beim Ausfüllen irgendeines Antrages den Familienstand mit „geschieden“ angeben muss? Ich komme mir dann fast vor wie so ein Single oder so was ähnliches. OK, ich hab hier mal was und da mal was, aber halt nichts Festes oder so. Schuld an meiner Scheidung ist mein Exschwiegervater, der meiner damaligen Frau, die auch noch seine Tochter war, wiederholt einreden wollte, dass ausgerechnet ich ein Versager sei. – Ziemlich gemein oder?  Ich bin dann sehr schuldlos geschieden worden. Die Schuldfrage war damals zwar schon abgeschafft, aber wegen mir hätte sie ruhig noch sein können. Gott sei Dank – muss ich keine Unterhaltszahlungen an meine Exfrau leisten, weil sie 3 Wochen nach der Scheidung einen Mann geheiratet hat, der sogar mehr Geld hat als mein Exschwiegervater und der war immerhin Beamter der Bundesbahn im Innendienst. Ich bin also mit meinen blauen Augen aus der glücklichsten Ehe der Welt gerade mal so davon gekommen.
 
Aus der Ehe gingen auch keine Kinder hervor, weil für mich Sex damals eher unwichtig war und meine Frau meinte, dass Sie von mir lieber keine Kinder will, solange das mit meiner genialen Veranlagung und deren Vererbbarkeit ned vollständig aufgeklärt sei. Sie können also auch keinen meiner Nachkommen zur Zahlung meiner Verbindlichkeiten heranziehen, weil ich keine habe von denen ich weis, dass sie es wären.
Nach meiner Scheidung startete ich, sozusagen als Senkrechtstarter, meine Drogenkarriere zwecks  Bewusstseinserweiterung. D.h. ich habe fast mein ganzes Geld zuerst in naturreine weiche Drogen investiert, später aber auch synthetische Stoffe verwendet, - dies natürlich nur zur Beibehaltung des erweiterten Bewusstseins. Ich konsumierte, wie fast jeder andere auch, zuerst nur Haschisch und Marihuana als so genannte Einstiegsdroge. Dann kombinierte ich den Wirkstoff THC (Tetrahydrocannabinol) mit etwas Kokain und wechselte dann zu naturreinen Psylocibinen(ein sehr starkes Halluzinogen)  von Zauber-Pilzen oder z.B. Engelstrompeten als Tee, Fliegenpilzsuppe, Tollkirschenkuchen usw., später auch häufig synthetisches LSD. Sie glauben gar nicht, welche Welten man da so durchreist, wenn man das Ganze mit reichlich Alkohol kombiniert. Für mich war das natürlich nicht gefährlich, weil ich eine übermenschlich starke Psyche besitze, wie mir mein Psychiater auch mehrmals atestiert hat. Ich brach dann meine Drogenkarriere abrupt ab, weil mir allmählich das Geld dafür ausging und ich bei den osteuropäischen  Dealern keine Schulden machen wollte. Dafür bin ich einfach ein bisschen zu schlau. Das alles ist nun schon sehr lange her, mindestens solange wie die Verjährungsfrist für Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz von 10 Jahren. Mein dadurch erworbenes erweitertes Bewusstsein, ist mir aber – Gott sei Dank- bis heute präsent geblieben, wie Sie sicherlich am leichten und souveränen Stil meiner exquisiten Wortwahl erkennen mögen.
Und ich kann Ihnen darüber hinaus auch glaubhaft versichern, dass Sie und Ihre Kollegen bei der Versicherung ned die einzigen sind, die mehr Geld von mir wollen, als ich habe. Ich lege Ihnen, die eidesstattliche Versicherung von neulich  mit ins Faxgerät dazu, - nur zu Ihrer eigenen glaubhaften Versicherung, denn den Informationsaustausch mit anderen mir fremden oder bekannten Institutionen, Ämtern, Banken, Versicherungen und privaten oder juristischen Personen untersage ich hiermit ausdrücklich, weil ich, wie sie sich denken können, noch ein paar andere brandheiße Eisen im Feuer habe.  
 
Ich hege eine stille Hoffnung bzw. ich  bete tagtäglich dafür, dass es mir finanziell bald wieder besser geht und ich bitte Sie inbrünstig, wie Herr Turghardt des so schön gesagt hat, um eine 6monatige Aussetzung der Zahlungen meinerseits, weil ich ja eh im Moment ned zahlen kann. Ich weiß, dass Sie des hinkriegen, wenn Sie nur ein bisschen guten Willen zeigen.
 
Wissen Sie, es ist ja ned so, dass ich ned zahlen will, - ich kann einfach ned, weil mir, auf gut Deutsch gesagt, das Geld dazu fehlt und meine Mutter mir einfach viel zu wenig von ihrem bissl Witwen-Geld abgibt und auf die Deutsche Lottozentrale ist auch weit weniger Verlass, als man das meinen mag. Neuerdings spiele ich nämlich nimmer Lotto, weil mir das finanziell gesehen zu sehr an die nicht vorhandene Geld-Substanz geht. Der Zweizeiler oben beschreibt auch eher die globale Erbsituation und leider nicht meine persönliche.
 
Ich habe vor ca. drei Wochen auch schon einen ganz legalen Versuch unternommen an etwas Geld zu kommen, indem ich mich hier in meiner Heimatstadt Rosenheim vor das größte Einkaufszentrum (Karstadt) gesetzt habe, meinen Hut vor mich hinstellte und gewartet habe, dass mir freundliche Menschen über 18 Jahre bissl Geld hinein werfen würden. Mit größter Präzision habe ich sogar eine Zielscheibe in das Hut Innere gemahlt, damit die netten Leute besser zielen und treffen können.
 
Wenn man mal so schaut, wofür die Menschen ihr Geld unsinnig rauswerfen, ist man doch geneigt zu glauben, dass das „Unternehmen Hut“ gut laufen könnte.  Ich kann Sie aber darüber glaubhaft informieren, dass das ein sehr schlechtes Geschäft ist. Ich saß dort nämlich 4einhalb Std. und habe sage und schreibe ganze 3,73 € eingenommen und drei Zigaretten geschenkt gekriegt. Wenn man das also auf einen 8 Std. Arbeitstag hochrechnet, dann ist man immer noch unter einem € pro Stunde. Im Monat hätte ich demnach ein Einkommen von ca. 132,62 € zu erwarten und das bei 160 Arbeitsstunden. Überstundenzuschläge gibt es in diesem Gewerbe leider nicht. Sie werden verstehen, dass mir meine freie Zeit für diesen Job einfach zu schade ist. Für so einen Hungerlohn würden Sie bestimmt auch ned arbeiten, zumal die klimatischen Arbeitsbedingungen im Winter und bei Regenwetter wohl mehr als unzumutbar sein dürften. Etwas peinlich war die Situation an diesem Probetag dadurch, dass einer meiner ehemaligen Schulkameraden vom Ignatz-Günter-Gymnasium genau an diesem Tag dort einkaufen war und mich natürlich sofort erkannt hat. Er hat mich zwar einigermaßen freundlich angelächelt, aber mir nichts in den Hut geworfen. Geschweige denn, dass er mich gefragt hätte, wie es mir so geht. Also auch im Hinblick auf mein Selbstwertgefühl, möchte ich solche peinlichen Begegnungen  in Zukunft doch lieber vermeiden.
 
Und illegale Sachen will ich mir noch nicht ausdenken, weil ich das bis jetzt mit meinem Gewissen irgendwie noch nicht vereinbaren kann, trotzdem ich mir in dieser Richtung die größte Mühe gebe. Ich hoffe, Sie können mich in dieser Hinsicht verstehen. Aus ähnlichen Gründen möchte ich auch Abstand von der Vorstellung nehmen, dass Sie auf die Idee kommen könnten, dass ich die Verbindlichkeiten bei Ihrer Gesellschaft als Versicherungsvertreter abarbeiten könnte. Mein Gewissen ist da recht empfindlich. Aber ich meine, das muss jeder mit sich selbst abmachen. Ich kann mich ja schließlich ned für die Gewissenskonflikte Dritter zur Verantwortung ziehen lassen, oder wie sehen Sie das?
 
........Fortsetzung im Buch- elabätsch!

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